top of page

Die Likeability Trap: Warum Nettsein deine Karriere ausbremst

Wahlkampfphase 2015/16 in den Vereinigten Staaten: Hillary Clinton bewirbt sich um das Amt der Präsidentin. Die Aussicht, erstmals eine Frau an der Spitze der größten Weltwirtschaftsmächte zu sehen, ist sowohl aufregend als auch bahnbrechend. In der öffentlichen Diskussion steht weniger ihr Inhalt im Vordergrund als vielmehr eine Frage, die Frauen in ihrer beruflichen Laufbahn und insbesondere in Führungspositionen bis zum heutigen Tag täglich begleitet: Ist sie überhaupt sympathisch genug?


Die meisten Frauen sind mit dem Konzept der Sympathiefalle - auf Englisch “Likeability Trap” - aus ihrem eigenen Berufsleben bestens vertraut; jedoch wird es häufig erst auf den großen Bühnen dieser Welt deutlich sichtbar. Hillary Clinton stellt lediglich eines der prominentesten Beispiele dar, wie rigoros die Öffentlichkeit Frauen nach Sympathie bewertet, sobald sie Macht anstreben anstatt „nur“ ihre Arbeit zu verrichten.


Als Außenministerin wurde Clinton in Umfragen über einen langen Zeitraum als kompetent und angesehen bewertet; ihr Fachwissen und ihre Erfahrung standen im Vordergrund. In dem Augenblick aber, als sie selbst die Präsidentschaft anstrebte, verschob sich der Fokus. Plötzlich entbrannte eine Debatte darüber, ob sie „liebenswert genug“ sei, ob ihre Stimme zu schrill, ihr Lächeln zu kühl, ihr Ehrgeiz zu ausgeprägt sei – Merkmale, die bei männlichen Bewerbern selten mit derselben Intensität problematisiert werden. Medienberichte und Kampagnen stilisierten sie als „zu ehrgeizig“ und „zu kalt“; gleichzeitig wurde ihr vorgeworfen, nicht nahbar oder menschlich genug zu sein.


Hier offenbart sich der Kern der Likeability Trap: Frauen werden sozialisiert, um warmherzig, verbindlich, freundlich und unfehlbar souverän zu sein - und zahlen umgehend einen Preis, wenn sie versuchen, aus diesem begrenzten Rahmen auszubrechen. Clinton stellt keine Ausnahme dar, sondern ist ein prominentes Beispiel für ein Muster, das viele junge Frauen bereits in ihren ersten beruflichen Positionen erfahren: sobald die Ambition über die Rolle einer guten Teamplayerin hinausgeht, ändert sich die Bewertung. Es zählt nicht mehr die individuelle Leistung, sondern wie sympathisch und letztendlich bequem man für andere ist.


Was bei der Likeability Trap wirklich passiert


Der Ausdruck “Likeability Trap” bedeutet, dass wir Frauen für dieselben Verhaltensweisen anders bewerten als Männer. Was bei Männern als stark, dominant und ambitioniert gilt, wird bei Frauen schnell als „zu hart“, „zickig“ oder „schwierig“ eingeordnet. Dahinter stecken tief verankerte Geschlechterrollen, die bis heute prägen, wie Frauen und Männer gesehen werden. Frauen sollen beispielsweise fürsorglich, freundlich und anpassungsbereit sind, während Männer als souverän, kontrolliert und meinungsstark gelten sollen.


Die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie bringt es auf den Punkt: Mädchen wird beigebracht, liebenswert und akzeptabel zu sein, anstatt zu viel Raum einzunehmen; das hat einen großen Einfluss auf ihre späteren Karriereentscheidungen.


Diese ungleichen Maßstäbe wirken in beide Richtungen: Frauen, die klar auftreten, Grenzen setzen oder konsequent führen, verletzen das unausgesprochene Skript, „lieb und unkompliziert“ zu sein und zahlen dafür oft einen Sympathiepreis, werden kritischer beobachtet oder als weniger teamfähig wahrgenommen. Passen sie sich dagegen stark an, halten sich zurück und geben sich betont weich, gelten sie zwar als angenehm und hilfsbereit, aber nicht unbedingt als jemand, dem man Verantwortung, ein Budget oder ein Team zutraut. Diese Diskrepanz macht es gerade jungen Frauen zu Beginn ihrer Karriere so schwer: Wer mutig auftritt, riskiert Ablehnung; wer sich nur nach den Erwartungen anderer richtet, läuft große Gefahr, übersehen zu werden.


Vier Kolleg:innen im Meeting im Büro – Gespräch über Zusammenarbeit, Karriere und Likeability Trap

Warum das deine Karriereentwicklung behindert


Zu Beginn deiner beruflichen Laufbahn scheint alles von Beziehungen und Bewertungen anderer abzuhängen – Zeugnisse, Feedbackgespräche, erste Chancen in Projekten, erste Führungserfahrungen. Viele junge Frauen investieren daher enorm viel Energie in Strategien, die darauf abzielen, Konflikte zu vermeiden, gefallen zu wollen, Zustimmung zu erlangen. Kurzfristig mag dies sicherer erscheinen, langfristig zahlst du aber einen hohen Preis:


  • Du hältst in Meetings lieber den Mund, obwohl du einen guten Einwand hättest, aus Angst, als „anstrengend“ oder „kompliziert“ dazustehen.

  • Du sagst ständig „Klar, mach ich“, nimmst noch eine Aufgabe mit und noch eine – bis du merkst, dass alle sich darauf verlassen und niemand deine Grenze respektiert.

  • Du weichst deine Meinung ab, formulierst alles extra freundlich und glättest jede Kante, bis es sich irgendwann so anfühlt, als wärst du gar nicht mehr wirklich du selbst.


Wissenschaftlerinnen wie Marianne Cooper weisen darauf hin, dass Frauen in ihrem beruflichen Umfeld ständig eine Art Doppelbotschaft erhalten: Sie sollen ambitioniert sein – jedoch nicht übermäßig, klar kommunizieren – aber nicht zu direkt, führen – jedoch ohne jemanden zu irritieren. Diese kontinuierliche Wiederholung erzeugt Druck, Selbstzweifel und das Gefühl, es ohnehin nie richtig machen zu können.


Was passiert, wenn “gemocht werden” nicht mehr das Ziel ist?


Was ist also zu tun? Du tust gut daran, deinen Fokus zu verlagern: weg von der Frage „Wie kann ich von allen gemocht werden?“ hin zu der Frage „Wie möchte ich arbeiten und Einfluss ausüben im Einklang mit meinen Werten?“. Die zentrale Idee: du hast keine vollständige Kontrolle darüber, ob andere dich mögen; allerdings hast du einen erheblichen Einfluss darauf, wie klar, integer und verantwortungsbewusst du auftrittst.


Der Harvard-Psychologe Robert Kegan beschreibt dies als eine Entwicklung vom „sozialisierten Geist“ (Identität stark von den Erwartungen anderer geprägt) hin zu einem „selbstautorisierten Geist“, in dem Personen ihre eigenen Werte, Standards und Prioritäten bewusst festlegen.


Was bedeutet das für dich konkret?

  • Du bist dir deiner Werte bewusst (beispielsweise Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Klarheit) und richtest dein Verhalten danach aus; und nicht nach der Frage, ob alle dich mögen werden.

  • Du berücksichtigst die Auswirkungen auf andere, aber ohne dich vollständig von diesen abhängig zu machen.

  • In bestimmten Situationen gestattest du dir, nicht allen zu gefallen, wenn dies im Einklang mit deiner Verantwortung, der Qualität oder deinen Interessen steht.


Vier Kolleg:innen stehen am Stehtisch, lachen und trinken Kaffee in der Büropause, auf dem Tisch liegen Laptop und Arbeitsunterlagen

Was du im Arbeitsalltag wirklich tun kannst


Hier sind vier Leitlinien, die dich gerade am Anfang deiner Karriere oder in deiner ersten Führungsrolle gut unterstützen können.


  1. Du steuerst deine Wirkung, nicht die Reaktion darauf

    Du kannst nicht kontrollieren, ob Kolleg:innen dich sympathisch finden oder nicht; aber sehr wohl, wie klar du in deinem Auftreten bist und wie du auf andere wirkst. Konzentriere dich deshalb darauf, gute Beziehungen aufzubauen, deine Argumente sauber vorzubereiten und deine Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Wenn du Hintergründe erklärst, aktiv nachfragst und andere Perspektiven mitdenkst, stärkst du deinen Einfluss, auch wenn nicht jede Reaktion darauf begeistert ausfällt.


  2. Baue echte Verbindungen auf

    Es ist ein Unterschied, ob du wirklich in Verbindung mit deinen Mitmenschen gehst oder dich einfach permanent anpasst. Verbindung bedeutet: Zuhören, Ernstnehmen, Fragen stellen und auch einen Teil von sich selbst offenbaren – einschließlich Unsicherheiten und Lernprozessen. Anpassung bedeutet: ausschließlich das zu äußern, was angenehm ist, und sich innerlich zu verstellen. Insbesondere zu Beginn deiner beruflichen Laufbahn ist es notwendig, sowohl in deinen Standpunkten deutlich, als auch offen für Neues zu sein.


  3. Integrität statt Everybody´s Darling

    Vertrauen entsteht, wenn das, was du sagst, zu dem passt, was du tust. Dazu gehört, dass du Zusagen einhältst, unangenehme Themen nicht wegschiebst und nicht im Flurfunk über Leute redest, zu denen du im Meeting nichts sagst. Kurzfristig kann es zwar bequemer sein, Konflikte zu vermeiden – auf Dauer wirst du aber dann als klar und verlässlich wahrgenommen, wenn du zu deinen Werten stehst, auch wenn es dadurch manchmal knirscht.


  4. Ambitioniert sein ist erlaubt

    Gerade junge Frauen werden im Job eher unterschätzt als überschätzt. Du musst dein Licht nicht auch noch selbst dimmen, nur damit sich bloß niemand gestört fühlt. Es ist absolut okay, sichtbar ambitioniert zu sein, klar zu sprechen und Verantwortung zu übernehmen, selbst dann, wenn dich nicht jede Person dafür feiert.


Die Likeability Trap verschwindet nicht von heute auf morgen – weder in Unternehmen noch in den Köpfen deiner Mitmenschen. Du entscheidest aber aktiv, wie viel Raum du ihm in deiner Arbeitsweise und in deinen Entscheidungen gibst.


Wenn du magst, nutze diesen Artikel als Startpunkt:

  • Wo hast du dich in letzter Zeit kleiner gemacht, um anderen zu gefallen?

  • Wo wäre ein bisschen mehr Klarheit oder Kante im Sinne deiner Werte gewesen?


Wenn du Lust hast, teil deine Gedanken oder eine Situation, in der du Likeability Trap gespürt hast.


Grow to Lead soll genau der Raum sein, in dem wir diese Spannungsfelder anschauen und gemeinsam andere Wege ausprobieren.



Logo Grow to Lead – Karriereblog für Frauen, Female Leadership und Empowerment

Wer ich bin

Ich stelle Berufsroutinen in Frage, gebe ehrliche Einblicke und ermutige zu Klarheit, Selbstführung und neuen Wegen im Karrierealltag – besonders für Frauen, die mehr wollen als das Gewohnte.

  • Instagram
  • LinkedIn
  • Facebook

Navigation

© Grow to Lead 2025

bottom of page