top of page

Die Gefahr, immer die Verlässliche zu sein: Wie unsichtbare Arbeit dich ausbremst

5. Okt.
3 Min. Lesezeit

Die Frau, um die es in diesem Artikel geht, kommt dir möglicherweise bekannt vor. Sie schreibt das Protokoll, weil sie darin am besten ist. Wenn jemand ausfällt, springt sie ein. Sie übernimmt Termine, die niemand sonst möchte, und die erforderlichen Unterlagen sind bereits am Vorabend fertig im Postfach, selbst wenn sie erst am nächsten Tag gebraucht werden. Man muss ihr nie etwas zweimal sagen, denn sie ist immer bereit, wenn sie gebraucht wird. Sie leistet oft die unsichtbare Arbeit, die alles zusammenhält. Deshalb wird sie stets gefragt, und zwar nicht nur in Notfällen, sondern generell. Wer zuverlässig arbeitet, erhält auch beim nächsten Mal den Auftrag.


Wie aus Gefälligkeit mit der Zeit Zuständigkeit wird


Falls du das hier liest und dich dabei ertappt fühlst, willkommen im Club. Das Ganze scheint zunächst harmlos, und anfänglich ist es das auch. Du wirst dafür gelobt. "Auf dich ist Verlass" ist ein schönes Kompliment und es ist aufrichtig gemeint. Doch im Hintergrund passiert etwas anderes. Wenn in einer Besprechung entschieden wird, wer welche Aufgaben übernimmt, wandert der Blick zu der Person, bei der man sicher sein kann, dass die Aufgabe erledigt wird. Beim ersten Mal ist das eine Gefälligkeit. Doch beim dritten Mal wird es zu einem Muster, zu einer Verantwortung, die nichts mit deiner eigentlichen Rolle zu tun haben muss. Dennoch hat sie sich fest verankert, wie ein Trampelpfad im Gras, den man nur oft genug betreten hat.


Irgendwann steht die Aufgabe dann unfreiwillig unter deinem Namen, ohne dass jemand sie explizit dort eingetragen hätte. Keiner fragt mehr, ob du Zeit dafür hast. Wenn du sie einmal nicht erledigst, fällt es sofort auf. Dass du sie all die Male zuvor erledigt hast, bemerkt hingegen kaum jemand.


Besprechung von oben: Mehrere Personen diskutieren am Tisch, eine Frau schreibt mit.

Warum unsichtbare Arbeit gefährlich ist


Arbeit, die im Hintergrund bleibt, fordert genauso deine Zeit und dein Engagement, doch selten führt sie zu wirklicher Anerkennung, geschweige denn zu Bezahlung oder Beförderung.


Entscheidungen über den nächsten Karriereschritt treffen oft diejenigen, die auf Menschen achten, die hervorstechen. Diese Menschen vertreten klare Positionen, haben starke Standpunkte und bereiten Entscheidungen vor, die mit bestimmten Themen verbunden werden. Wenn du deine Zeit mit Tätigkeiten verbringst, die dein Profil nicht schärfen oder dich nicht sichtbar machen, können sie dein Fortkommen behindern. Auch wenn deine Protokolle perfekt sind, wirst du vielleicht übersehen, wenn es um neue Rollen oder Beförderungen geht. Dabei ist es einfach: Jede Stunde, die du für andere arbeitest, ist eine Stunde, die nicht deiner eigenen Rolle zugutekommt. Eine Frau, die zehn Jahre lang zuverlässig anderen Personen Ergebnisse verschafft, hat in dieser Zeit an deren Erfolgen mitgewirkt.


Ich unterschätze nicht, wie schwer es ist, dies zu ändern. Gründlichkeit hat dir schon besondere Anerkennung eingebracht – sei es in der Schule oder an der Uni – und auch im Beruf wird das geschätzt. Es fühlt sich falsch an, etwas aufzugeben, wofür man Lob erhält. Außerdem ist es risikoreich, denn der Ruf der Zuverlässigkeit ist wertvoll. Aber keine Sorge: Du musst nicht aufhören, gründlich zu sein oder zusätzliche Aufgaben generell abzulehnen. Entscheidend ist, wie du deine Gründlichkeit einsetzt und was danach passiert.


Was du ab dieser Woche anders machen kannst


  1. Finde heraus, wer deine Aufgaben sieht und wahrnimmt. Notiere eine Woche lang, welche Aufgaben du übernimmst, und überlege bei jeder, wer am Ende das Resultat sieht und wann darüber gesprochen wird. Manche Dokumente landen im Verteiler und werden nie besprochen, während Präsentationen für die Geschäftsführung vorgestellt und diskutiert werden. Vermerke bei jeder Aufgabe, ob sie vor jemandem landet, der Einfluss auf deine nächsten Schritte hat. Oft ist die Erkenntnis am Ende ernüchternd, aber genau das ist der Punkt dieser Übung.


  2. Gib eine Aufgabe frühzeitig mit einem Alternativvorschlag ab. Etwas spät und entschuldigend abzugeben, erweckt den Eindruck von Nachlässigkeit. Wenn du jedoch frühzeitig und mit einer klaren Regelung abgibst, hört sich das nach guter Organisation an. Ein Satz wie „Das Protokoll übernehme ich heute, ab nächster Woche wechseln wir uns ab – wer ist als Nächster dran?“ schafft eine klare Struktur. Du bittest nicht, sondern legst den Ablauf fest. Dadurch bleibst du verlässlich, aber nicht mehr allein verantwortlich für alles.


  3. Knüpfe Zusagen an eine Bedingung. Wenn dich jemand bittet, etwas zu übernehmen, kannst du zustimmen und eine Bedingung hinzufügen: „Mache ich gern, wenn ich es am Donnerstag selbst präsentieren darf.“ Deine Verlässlichkeit bleibt bestehen und wird sichtbar auf der Folie verankert. Gelegentlich wirst du hören, dass das nicht vorgesehen ist. Dann hast du zumindest Klarheit darüber gewonnen; du kannst dir dann überlegen, ob dieser Task deine Zeit wert ist.


Du musst nicht gleich alles ändern; beginne einfach mit einer kleinen Aufgabe.


Zum Abschluss


Zuverlässigkeit ist eine Stärke, die stets Bestand hat. Sie verlangt aber einen Preis von dir, wenn niemand bemerkt, was du leistest. Nimm dir für diese Woche eine Aufgabe vor, die du abgibst oder sichtbar machst, und beobachte, was sich daraus ergibt.



 
 
 

Kommentare


bottom of page